"DADDELDU - Ahoi!"

Herwig Lucas spricht, singt und spielt Ringelnatz



Am Flügel: Jürgen Oßwald


Portrait von Ringelnatz
mit Gedicht
von Alfred Schindehütte

Der scheue kleine Mann aus Sachsen, ein wenig kurzsichtig, kindlich und empfindsam, war ein Außenseiter der Gesellschaft und deshalb ein Ärgernis, aber vor allem ein Dichter. Er passte nirgendwo richtig in die Welt.

Kabarettisten seiner Art gibt es nicht mehr. Seit über 70 Jahren weht schon der Wind über seine Grabplatte aus Muschelkalk, auf dem Waldfriedhof Berlin-Heerstraße. Er starb, ehe sich der große eiserne Riegel des 3. Reiches vollends vor seine Kunst schob. Man verbrannte seine Bilder, die Bücher wurden auf die schwarze Liste gesetzt, und per Verfügung vom 12. April 1933 wurde das "geplante Auftreten des Schriftstellers Joachim Ringelnatz zum Schutze von Volk und Staat" von der Polizei untersagt. Die Lebenslust verließ ihn. Ein Lungenleiden hatte leichte Hand.





DAS LEBEN ALS ANEKDOTE
Von Steve Kuberczyk-Stein
Einen wunderbaren Ringelnatz-Abend erlebten die Besucher am Freitag in... Doch halt: Wie passt das zusammen? Ringelnatz und wunderbar? Skurril, grotesk, witzig, frech, amüsant - für all das steht der Name des Dichters, Seemannes und Kabarettisten - aber wunderbar?
Es passt, denn der Schauspieler Herwig Lucas und Jürgen Osswald am Piano haben mit ihrem Programm "Daddeldu-Ahoi", nicht nur den obskuren Poeten Joachim Ringelnatz auf sprühend humorvolle Weise porträtiert, sondern den Besuchern auch die empfindsame Seele des Menschen, der als Hans Bötticher 1883 in Wurzen bei Leipzig zur Welt kam, nahegebracht.
Denn anders als seine Gedichte, Bücher und Verse, die Lucas mit viel Einfühlungsvermögen und großer Ausdruckskraft zum Leben erweckte, verlief das Leben dieses Künstlers. Lucas ließ dieses auf so lebendige Weise Revue passieren, als sei man bei jeder Etappe dabei gewesen. In der Schule zum Beispiel, wo Ringelnatz als Störenfried und Klassenclown seinen Lehrer fragte; ob er mal für "fünf Minuten in den Puff könne". An Bord eines Segelkutters, wo er als Schiffsjunge anheuerte und statt der gesuchten Seemannsromantik Prügel und Brot voller Maden ertragen musste. Oder im Münchener Künstlerlokal "Simplicissimus", wo Ringelnatz seine ersten Erfolge feierte. Das Auf und Ab eines Mannes, der sein Leben in seinen Werken wie einen Anekdotenschatz ausgebreitet hat. Viel Applaus für diese so köstlich komische wie auch gefühlvoll berührende "Ringelnatziade".

Premierenkritik, HNA
...Leidenschaftlich bringt uns Lucas auch den politischen Satiriker und Gesellschaftskritiker Ringelnatz näher, pathetisch trägt er den "Turnermarsch" vor, während Jürgen Oßwald lyrisch mit "Leise flehen meine Lieder" von Schubert begleitet. Fast akrobatischen Einsatz zeigt Lucas dann auch bei den "Klimmzügen". Die begeisterten Zuschauer im überfüllten tif-Foyer gewannen an diesem Abend einen selten so lebendigen Einblick in eine Künstlerpersönlichkeit.
Kritik zur Vorstellung im Staatstheater-Kassel, 20.4.2008